
In dieser Ausgabe unserer Interviewreihe „Innovation Perspectives“ sprechen wir mit Dr. Maximilian Fechter, Geschäftsführer der Herbst Umwelttechnik GmbH. Als Partner in unserem BlueLandTech-Netzwerk gibt er Einblicke in die Gründungsgeschichte des Unternehmens, seine innovativen Verfahren in der Wasser- und Gasaufbereitung sowie die Bedeutung internationaler Netzwerke für die zukünftige Marktentwicklung.
Nikita Sklyomin (T+I Consult): Herr Dr. Fechter, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Beginnen wir mit Ihrer Person und der Gründungsgeschichte des Unternehmens. Wie ist Ihr fachlicher Hintergrund, und wer hat die Herbst Umwelttechnik GmbH gegründet?
Dr. Maximilian Fechter (Herbst Umwelttechnik GmbH): Ich habe an der Technischen Universität Berlin Energie- und Verfahrenstechnik studiert. Das umfasst im weitesten Sinne alles rund um Energie- und Stoffwandlung – von Kraftwerkstechniken bis hin zur pharmazeutischen Produktion. Der Fokus lag dabei weniger auf der Chemie im Detail, sondern vielmehr auf der Frage: Wie kann ich das, was im Labor bewiesen wurde, großtechnisch umsetzen?
Anschließend habe ich ebenfalls an der TU Berlin promoviert, mit dem Schwerpunkt Abwasseraufbereitung an Biogasanlagen. Dabei ging es insbesondere um Gärreste, die zu 85 bis 90 Prozent aus Wasser bestehen, aber gleichzeitig extrem viele Pflanzennährstoffe enthalten und nicht einfach aufzubereiten sind. Ziel war es, möglichst hochkonzentrierte Pflanzennährstoffe zu gewinnen und gleichzeitig reines Wasser zu erhalten – einerseits für einen transportwürdigen Dünger, andererseits für Wasser, das ohne Eutrophierung in Gewässer eingeleitet werden kann.
Gegründet wurde das Unternehmen von meinem Vater, und zwar im Jahr 1986. Es entstand als Ausgründung aus der damaligen Herbst Umwelttechnik, einer Aktiengesellschaft, mit der wir heute nichts mehr zu tun haben. Seither beschäftigt sich das Unternehmen mit der Aufbereitung und Gewässersanierung. Damals lag der Fokus auf der Sanierung von Wasserkörpern in und um Berlin – von Eutrophierung, der Entfernung von Schwermetallen aus Schlämmen bis hin zur Deponiegasaufbereitung, insbesondere der Abscheidung von Siloxan und H₂S.
Heute machen wir das teilweise immer noch, aber viele andere können das inzwischen auch. Unser Ziel ist es, immer etwas Neues zu machen, Pionierarbeit zu leisten und in Nischen vorzudringen, in die sich andere nicht wagen – und den Markt dort zu bedienen, bis das Produkt etabliert ist. Ein Beispiel sind Gasfilter: Heute wissen viele Metallbauunternehmen, wie man einen H₂S-Filter baut. Für Standardlösungen braucht es uns also nicht mehr. Wir sind heute eher auf Industrieabwasseraufbereitung, Schwermetallabscheidung, Schlammkonditionierung und Wasseraufbereitung zur Phosphorentfernung spezialisiert.
Nikita Sklyomin: Was ist das Alleinstellungsmerkmal der Herbst Umwelttechnik GmbH gegenüber Wettbewerbern?
Dr. Fechter: Das ist aktuell schwierig zu sagen, weil wir sehr unterschiedliche, stark auf den Kunden zugeschnittene Produkte entwickeln, die es so am Markt nicht gibt. Ein USP ist sicherlich, dass wir ein kleines Unternehmen mit wenigen, aber sehr gut informierten Ansprechpartnern sind. Wenn jemand mit einem Problem auf uns zukommt, weiß jeder in der Firma, worum es geht. Wir gehen Hand in Hand mit dem Kunden die Problemlösung an – ganz spezifisch auf seinen Fall zugeschnitten.
Wir setzen gezielt die Filtermaterialien ein, die gebraucht werden, und geben gleichzeitig eine Einschätzung zu Beladungskapazität und Standzeit. Das machen wir in einem Bereich, in dem es eigentlich keine Standardlösung gibt. Und sollte es im Nachhinein doch einmal ein Problem geben, hat man direkt einen Ansprechpartner – man muss sich nicht durch ein Unternehmen hangeln.
Unser QM-Auditor hat uns einmal gefragt, wie denn die Abwicklung von Gewährleistungsansprüchen abläuft. Wir wussten gar nicht, wie wir antworten sollten, weil wir kaum Rückläufer haben. Er war dann sehr begeistert und meinte, wir müssten einfach reinschreiben, dass der Kunde uns direkt anruft und wir das am Telefon klären. Das sei für ISO 9001 völlig ausreichend – und herzlichen Glückwunsch, wenn wir darüber hinaus nie einen Rückruf starten müssen.
Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist, dass wir permanent Forschung betreiben. Wir haben ein eigenes Labor und untersuchen im Zweifelsfall im Kundenauftrag die Problemstellung, um eine Lösung herbeizuführen, die es vorher vielleicht noch gar nicht gab.
Nikita Sklyomin: Welche Produkte oder Dienstleistungen sind aus Ihren Forschungsprojekten hervorgegangen?
Dr. Fechter: Das größte Vorhaben war ab 2015 das Forschungsprojekt, das zuletzt Stramento hieß – ursprünglich BioRist. Ziel war es, Biogas aus Reisstroh zu gewinnen. Wir haben ein Verfahren entwickelt, das auch auf die Firma patentiert ist und einen wirtschaftlich sinnvollen Aufschluss von Reisstroh im Biogasverfahren ermöglicht.
Wir haben im Labor und an Demonstrationsanlagen verglichen, was mit Reisstroh im herkömmlichen Verfahren passiert und was in unserem Verfahren. Das Ergebnis: höhere Gasausbeute und ein stabilerer Prozess. Die Beschickungsmenge, die im einstufigen Verfahren die Biologie an ihre Grenzen brachte, war für unseren Fermenter problemlos handhabbar. Das Verfahren ist so weit entwickelt, dass es jetzt an die ersten großtechnischen Biogasanlagen geht.
Ein anderes Produkt ist der Pico Adsorber, ein Kleinst-H₂S-Filter für Mini-Biogasanlagen. Er wird beispielsweise auf Landgütern eingesetzt, wo Schweinegülle als Biogas genutzt wird. Dieses Biogas ist stark schwefelwasserstoffhaltig. Wir haben einen Filter entwickelt, der nur einmal im Jahr gewechselt werden muss und den Schwefelwasserstoff entfernt – und somit die Bildung gefährlicher Schwefeldioxide vermeidet, Korrosion an Gaskochern reduziert und auch gesundheitsrelevant für die Person ist, die dort kocht.
Nikita Sklyomin: Das Thema Biogas ist also eine zweite Säule neben der Wasseraufbereitung?
Dr. Fechter: Genau, wir haben drei Standfüße: Gasreinigung, Wasseraufbereitung und Biogaserzeugung. Wobei die Biogaserzeugung relativ jung ist.
Nikita Sklyomin: Arbeiten Sie bei der Entwicklung mit Partnern zusammen?
Dr. Fechter: Ja, die Entwicklung findet eigentlich immer in Zusammenarbeit mit Universitäten statt. Wir tauschen uns mit unseren Partnern aus – mal die TU Dresden, mal die TU Berlin. Unterschiedliche Fachgebiete kommen da zusammen. Wir sorgen meist für die Anlagentechnik, so dass die Unis sich auf Datenerhebung, Datenauswertung und Forschung konzentrieren können. Für uns ist dann relevant, ob wir das, was in der Theorie angenommen wurde, großtechnisch bereitstellen können.
Wenn wir Forschung betreiben, ist es in der Regel ein gefördertes Forschungsvorhaben – sei es vom BMBF, als ZIM-Projekt oder aktuell vom BMEL. Tatsächlich läuft auch ein IBB-Vorhaben zur Biogasgewinnung aus Makroalgen.
Nikita Sklyomin: Wie läuft die Fertigung? Produzieren Sie alles selbst?
Dr. Fechter: Das ist unterschiedlich. In Vietnam sollte alles in Vietnam hergestellt werden, was herstellbar ist. Das Konzept Pico Adsorber war von Anfang an für den vietnamesischen Markt gedacht – als Produkt aus Vietnam für Vietnam. Das einzige, was aus Deutschland kommt, ist die Gasreinigungsmasse selbst. Das ist ein Eisenoxidhydrat von einer Berliner Firma, als Pellet gepresst, auf dem die chemische Reaktion von Schwefelwasserstoff zu elementarem Schwefel erfolgen kann. Dieses Material gibt es nur hier.
Ansonsten fertigen wir einiges selbst in unserer Werkstatt, lassen aber auch Teile von Partnerunternehmen fertigen – sei es geschweißte Edelstahlbehälter oder Behälter aus Kunststoff. Wir haben die Expertise der Verfahrenstechnik, der Elektrik und des Aufbaus.
Nikita Sklyomin: Welche Vorteile bietet Ihnen die Teilnahme an internationalen Netzwerken wie unserem BlueLandTech-Netzwerk?
Dr. Fechter: Wir haben bisher keinerlei Erfahrung mit solch professionell aufgezogenen Netzwerken wie Ihrem. Bisher waren wir eigentlich immer unser eigenes Netzwerk. Insofern ist das ein neuer und interessanter Schritt, dass diesmal von komplett extern eine Forschungsidee an uns herangetragen wurde, die dann innerhalb Ihres Netzwerks durchgeführt wird.
Als kleines Unternehmen decken wir ein relativ breites Spektrum ab und bilden eine sehr tiefgreifende Expertise – nicht nur vom Wissensstand her, sondern bis hin zur tatsächlichen Umsetzung. Das war bisher unser größter Vorteil bei der Zusammenarbeit mit Universitäten: einen Industriepartner zu haben, der über das Können der üblichen Universitätswerkstätten hinaus eine Anlage aufbauen kann, die dem entspricht, was im Forschungsprojekt angedacht war.
Nikita Sklyomin: Welche Herausforderungen sehen Sie bei Entwicklung, Einführung und Finanzierung neuer Produkte?
Dr. Fechter: Ohne Finanzierung bekommt man keine Förderung. Als wirtschaftliches Unternehmen unterliegen wir keiner Förderung, die 100 Prozent entspricht, sondern müssen immer einen Eigenanteil von 20 bis 30 Prozent mitbringen. Das kann in einem Projekt schnell teuer werden. Auf der anderen Seite ermöglicht uns diese Förderung Forschungsprojekte, die sonst überhaupt nicht möglich wären.
Die Finanzierung gewährleisten wir über die Umsätze aus unserem täglichen Geschäft – mit unseren Spezialanlagen und handwerklichen Dienstleistungen. Hier auf dem Gelände setzen wir für die ansässigen Mieter relativ spezielle Lösungen um, und wir sitzen direkt vor Ort, sind unmittelbar ansprechbar.
Was die Herausforderungen angeht: Man stößt immer wieder an unterschiedliche Grenzen. Es fängt im Labor an. Man hat eine Idee, will sie umsetzen – und scheitert an einem Problem, das man vorher überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Man hat über zig Dinge nachgedacht, die zum Problem werden könnten, aber es ist in der Regel ein anderes.
Wir vereinfachen dann alles so weit wie möglich, um zunächst im kleinen Maßstab die generelle Funktion zu beweisen, und arbeiten uns Stück für Stück näher an die Realität heran. Das Upscaling ist dann der nächste Punkt. Und die letzte Hürde ist immer, eine Referenzanlage zu gewinnen, die bei der initialen Erstumsetzung mitmacht. Denn man wird gefragt: Wo steht denn die Referenzanlage? Da entsteht schnell ein Henne-Ei-Problem. Man muss aufgeschlossene Leute finden, die wagen, etwas Neues zu tun. Bisher hatten wir nur zufriedene Kunden und haben dafür gesorgt, dass eine Anlage am Ende immer läuft.
Nikita Sklyomin: Welche Trends und Technologiefelder möchten Sie künftig erschließen?
Dr. Fechter: Ich will nichts ausschließen, aber es zeichnet sich ab, dass wir den Fokus auf alternative Biogassubstrate setzen. Der Weg geht eindeutig in Richtung landwirtschaftliche Reststoffe und weg von der Energiepflanze. Die Diskussion, ob man wirklich Ackerflächen bestellen muss, nur um Biogas zu erzeugen, hat sich in den letzten 20 Jahren immer dringender gezeigt.
Mit unseren Bestrebungen, nicht nur Stroh, sondern jetzt auch Algen für Biogas verfügbar zu machen, sind wir auf dem richtigen Weg – nicht nur kreislaufwirtschaftlich und platz-effizient, sondern vor allem wirtschaftlich, da Abfallstoffe in der Regel als Nebenprodukt zur Verfügung stehen.
Nikita Sklyomin: Damit sind wir schon bei einem zweiten großen Thema – den Nährstoffen. Wie hängt die Biogaserzeugung mit der Phosphatrückgewinnung zusammen?
Dr. Fechter: Das ist tatsächlich eng verzahnt. Bei der Vergärung von Reststoffen entstehen Gärreste, die – wie eingangs erwähnt – sehr wasserhaltig sind, aber gleichzeitig viele Pflanzennährstoffe enthalten. Diese Nährstoffe wollen wir nicht verlieren, sondern zurückgewinnen. Und hier kommt ein zweiter großer Punkt ins Spiel: Bisher haben wir Wasseraufbereitung zur Phosphatentfernung mithilfe unserer Eisenhydroxide geregelt. Dabei waren die Phosphate weitestgehend pflanzenunverfügbar im Filtermaterial fixiert. Hier ist der große Hebel, diese Phosphate wieder zurückzugewinnen und verfügbar zu machen – um die endliche Ressource Phosphor nicht ins Meer entkommen zu lassen, wo sie nur wieder zu Algenblüten führt, sondern auf dem Acker für die Pflanze bereitzustellen. So schließt sich der Kreis: von der Reststoffvergärung über die Nährstoffrückgewinnung bis hin zur Wiederverwendung in der Landwirtschaft – ganz im Sinne einer zirkulären Bioökonomie, wie sie auch das BlueLandTech-Netzwerk verfolgt.
Nikita Sklyomin: Welche Kooperationspartner suchen Sie für zukünftige Projekte und die Marktentwicklung?
Dr. Fechter: In Bezug auf das neue Projekt ist es wichtig, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu finden, der Interesse daran hat, die von seinem Acker abfließenden Phosphate zurückzugewinnen, sodass man eine Versuchsanlage im Pilotmaßstab für eine Weile dort betreiben kann.
Hersteller und Verwerter von Recyclingdüngern sind natürlich interessant, denn wir werden Phosphate zurückgewinnen. Die Frage ist, was wir dann damit machen – wir stellen ja nur den Prozess und wollen kein Düngemittelhändler werden. Abgesehen davon, dass Phosphor allein uns nichts bringt, fehlen dann noch die üblichen Nährstoffe wie Stickstoff, Kalium oder eventuell Schwefel und Magnesium.
Forschungseinrichtungen für die Materialentwicklung und die Elektrochemie dahinter sind ebenfalls wichtige Partner. Auch wenn wir ein relativ tiefes Verständnis der Verfahren haben, braucht es Spezialeinrichtungen von Forschungsinstituten, die sich im Detail mit der Materie auskennen und uns sagen können, unter welchen Prozessbedingungen es im Labor klappt, so dass wir das Upscaling betreiben können.
Und natürlich sind für ein solches Projekt auch die internationalen Märkte interessant – insbesondere in Ländern, wo die Landwirtschaft ein Kernwirtschaftssektor ist. Dort bräuchte man internationale Partner, um die Technologie auf den Markt zu bringen und mit Herstellern und Verwertern einen Nährstoffkreislauf aufzubauen.
Nikita Sklyomin: Herr Dr. Fechter, vielen Dank für Ihre Zeit und die sehr interessanten Einblicke in Ihr Unternehmen und Ihre Dienstleistungen.
Dr. Fechter: Vielen Dank. Dann schönen Tag und bis bald.
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Über die Herbst Umwelttechnik GmbH
Die Herbst Umwelttechnik GmbH ist ein Berliner Unternehmen, das sich auf Wasseraufbereitung, Gasreinigung und Biogaserzeugung spezialisiert hat. Mit einem eigenen Labor, langjähriger Forschungsexpertise und einem starken Fokus auf kundenspezifische Lösungen entwickelt das Unternehmen innovative Verfahren für Industrieabwässer, Schwermetallabscheidung, Schlammkonditionierung und Phosphorrückgewinnung.
Über T+I Consult
T+I Consult ist eine internationale Innovationsberatung. Mit unserem „BlueLandTech„-Netzwerk verbinden wir technologieorientierte Unternehmen, Forschungseinrichtungen und internationale Partner, um Innovationen für eine klimaresiliente und ressourceneffiziente Zukunft zu fördern.